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Leben mit Borderline

 


Tami (25) Bloggerin und Künstlerin, die mit der Diagnose Borderline lebt



Was mich antreibt, aufzuklären...



Die Borderlinepersönlichkeitsstörung wird häufig stark stigmatisiert.
Ob es der gesellschaftlich verbreitete Irrglaube ist, dass „Borderline“ hieße, sich selbst zu schneiden oder noch schlimmer, dass manche Menschen behaupten, die Betroffenen seien beziehungsunfähig, manipulativ & würden andere Menschen benutzen.
Diese Behauptungen gehören übrigens nicht zu den offiziellen Diagnosekriterien, werden jedoch trotzdem propagiert!
Leider finden sich im Netz, aber auch in der Literatur viele stigmatisierende Texte, die vor „Borderlinern“ warnen und sogar Fachpersonal ist manchmal nicht frei von solchen Vorurteilen.

Diese Stigmatisierung von Außen kann schnell zu Selbststigmatisierung führen, wie es auch bei mir der Fall war.
Ich habe Anfangs fürchterlich geweint, als ich die Diagnose „Emotional Instabile Persönlichkeitsstörung Typ: Borderline“ erhalten habe, weil ich es so verletzend fand, dass meine Persönlichkeit eine Krankheit sein soll und auch immer wieder danach, hatte ich Angst dadurch beziehungsunfähig zu sein, vielleicht gar nicht lieben zu können oder ohne es zu merken, meine Mitmenschen zu benutzen.

Solche Sorgen und Selbstvorwürfe sind nur zusätzliche Belastungen für Betroffene und definitiv keine Stütze.
Ich habe Jahre gebraucht, um gewisse Anteile in mir oder gar meine Diagnose zu akzeptieren, was jedoch für die Besserung meiner Symptome fundamental war.
Aufgrund dieser Erfahrungen, habe ich mich dazu entschlossen, auf Instagram (@Borderli0n) ehrlich über mentale Gesundheit aufzuklären und Menschen an meinem Leben und Erleben teilhaben zu lassen!


Ein paar Erkenntnisse, die ich gerne teilen möchte...


Ob man es nun als „Borderline“ bezeichnet oder nicht – Selbstakzeptanz ist ein wichtiger Schritt.
Um mir meine Fehler zu verzeihen und auch, um aus ihnen zu lernen, ist es wichtig wirklich hinsehen zu können.
Und ich weiß, dass das als Person mit einer so hohen Emotionalität, vielen Schuldgefühlen und sehr hohem Selbstanspruch sehr schmerzhaft sein kann.

Hilfreich war hierbei für mich immer wieder, zu erkennen, dass ich auch nur ein Mensch bin und dass ich somit Fehler machen darf.
Das nennt sich dann Selbstmitgefühl.
Die Probleme, die ich in meinen Beziehungen habe, habe ich nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Ängsten, die häufig in meiner Kindheit ihren Ursprung haben.

Als Betroffene Person einer psychischen Erkrankung hat man häufig mal das Gefühl, zeitlich hinterher zu hängen.
Die alten Klassenkameraden haben z.B. gerade einen festen Job angefangen und man selbst hat den 2. Versuch für eine Ausbildung erstmal abbrechen müssen, um in eine Klinik zu gehen.
Das kann sehr frustrierend sein, da man sich mit anderen vergleicht, die eben keine psychische Erkrankung haben und das Gefühl macht sich breit versagt zu haben.
Auch für solche Momente ist die Selbstakzeptanz & Selbstmitgefühl fundamental, da es völlig okay ist, einen anderen Weg einzuschlagen als andere Menschen.
Hierbei hat mir der Austausch mit anderen Betroffenen, in einer Selbsthilfegruppe, sowie im Netz sehr geholfen!

Zudem hilft mir sehr, meine Persönlichkeitsmerkmale auch mal von der anderen Perspektive zu betrachten.
Es kann beispielsweise wahnsinnig schön sein, so viel zu fühlen.
Die hohe Emotionalität macht mich sehr empathisch und ich kann mich leidenschaftlich und hingebungsvoll einer Aufgabe widmen.
Mein Leidensdruck hat mich gewisser Maßen dazu gezwungen, mich mit mir selbst auseinander zu setzen und nun ist dieses Wissen ein riesen Geschenk!
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich Dinge, die ich noch nicht kann, erlernen kann und bin dadurch nicht mehr wie früher in meinen Verhaltensmustern gefangen.

Heilung, ist zwar ein langer Weg, der alles andere als linear nach oben verläuft, jedoch machbar!
Hilfe von außen anzunehmen, ist ein wichtiger Schritt.
Was hierbei dem einen Meschen super hilft, ist für den anderen Menschen absolut nicht das Richtige.
Den richtigen Weg somit erstmal zu finden, ihn dann zu beschreiten und im Anschluss auch dran zu bleiben, kann unglaublich hart und anstrengend sein.
Manchmal kann es sogar bedeuten, wieder von vorne anzufangen, wenn man denkt, dass man es jetzt geschafft hat.

Kleines Schlusswort...

Auf meiner Reise habe ich für mich erkannt, dass niemand außer mir selbst "angemessen" würdigen kann, was hierfür an Durchhaltevermögen und Willenskraft, abverlangt wird.
Wenn ich Anerkennung von außen bekomme, ist sie auch nur so viel wert, wie ich mir selbst an Anerkennung zugestehe.
Wenn ich den Punkt erreicht habe, sie mir selbst geben zu können, ist die äußere Bestätigung anstatt einer empfundenen Notwendigkeit viel eher ein kleiner Bonus.
Damit möchte ich sagen, dass Heilung nicht in anderen zu finden sein wird, sondern nur in mir selbst!
Menschen können mir helfen, den Weg dorthin zu gehen, aber gehen muss ich ihn selbst.
Heilen und das "Alte" loslassen zu wollen ist eine sehr bewusste Entscheidung, die ich jeden Tag aufs neue treffen muss.
Und ich kann in Hinblick auf den bereits zurück gelegten Weg sagen, dass es sich trotz kleiner Fortschritte unglaublich lohnt :-)

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